Trümmerjunge

Der kleine Junge saß im Wohnungsflur auf dem Bretterboden und spielte mit einem hölzernen Lastwagen, der nur noch drei Räder hatte. Die Ladung bestand aus Bauklötzen, die sonst zum Bau von unüberwindlichen Burgen genommen wurden. Burgen, in denen Siegfried nie von Hagen getötet worden wäre.
     In der Ecke, dicht neben der Wohnungstür, die ins Treppenhaus des Vierfamilien-Hauses führte, lag ein kleiner Cocker-Spaniel und schnarchte. Er hieß ‚Purzel’, war ein Jagdhund und gut in seinem Job. Den Jungen nahm er nicht ernst.
     Es klingelte.
     Das war ein schrilles ‚Krüünghh’, das alle im Hause, in der Siedlung, wahrscheinlich alle in Braunschweig, hassten, aber es war die Einheitsklingel, die in den meisten Haushalten, den neu erbauten – aus dem Boden gestampften – Häusern üblich war.
     Der Gesang in der Küche brach ab. Mutti hatte eins ihrer Lieblingslieder, ‚Mutter, unterm Dach hat der Dompfaff gebaut’ gesungen. „Hermi, sieh mal nach, wer da ist.“ Der Junge warf einen letzten, kritischen Blick auf die Mauer, die er aus den Klötzen gegen die Kommunisten gebaut hatte, sprang auf und drückte auf die surrende Entriegelung, öffnete die Tür. Er prallte zurück.
     Vor ihm stand eine abenteuerliche Gestalt mit Turban, schwarzer Gesichtsfarbe, Pluderhosen und einer Jacke aus bunten Lumpen. Die Gestalt grinste breit, hielt dem Jungen eine Dose mit einem Schlitz im oberen Deckel entgegen und rasselte mit ihr. Drinnen waren offenbar Münzen. Der Schwarze hatte blaue Augen und weiße Hände.
     „Wir sammeln für das Winterhilfswerk“, sagte er.
     „Mutti“, rief der kleine Hermi, „hier ist ein Mohr und er sammelt für einen … einen Winter.“ Mutti kam an die Tür, sie lächelte. „Ihr habt Ideen“, sagte sie zu dem Mohren. „Wir sind selbst nicht so stark finanziell, aber es geht schließlich auch um die deutschen Helden im Osten und da muss man was machen.“
Der Mohr nickte. „Gewiss, gnädige Frau. Unser Führer wird es Ihnen danken.“
Mutti holte Geld und steckte es umständlich durch den Schlitz. „Du bist Hitlerjunge?“, fragte sie.
      „Noch, gnädige Frau. Aber in acht Wochen komme ich endlich an die Front. Ich kann es kaum erwarten.“
     „Das kann ich verstehen“, sagte Mutti. „Die russischen Bestien müssen gezähmt werden.“
     „Gewiss. Wir werden das tun. Heil Hitler!“
     „Heil Hitler, junger Mann. Und viel Glück.“
     „Danke. Es wird nicht lange dauern. Die sind ähnlich wie die Polen. Und die hatten wir in achtzehn Tagen im Karton. Äh … allerdings ist Russland größer, doch der Führer weiß genau, was er tun muss.“
     „Ganz klar. Wiedersehen.“
     „Wiedersehen, gnädige Frau. Und – danke.“
     Der Mohr ging, der kleine Junge lief an das Fenster des Arbeitszimmers seines Vaters und spähte hinaus. Draußen, am Bordstein der Saarstraße, stand ein als Panzer ausgebauter, kleiner Leiterwagen. Sein langes Geschützrohr war aus Pappe, wie auch die feldgraue Verkleidung. Mehrere ‚Mohren’ trafen sich am ‚Panzer’, erzählten sich lachend irgendwas. Dann zogen sie ihr Gefährt vor das nächste Haus, die Straße aufwärts.
     „Mutti“, fragte der kleine Junge, „wofür hast du ihnen Geld gegeben?“
     „Für unsere Helden in Russland. Die frieren.“
     „Deutsche Helden frieren nicht“, antwortete Hermi und wandte sich seinem Lastwagen zu.