Leseprobe "Kopalka"
Ich schwieg, während sie sich rasch anzog. Dann sah sie mich strahlend an und fragte: „Na, wie sehe ich aus?“
Sie sah überirdisch schön aus und das sagte ich ihr. Sie streichelte mich, lächelte stolz und warf dann ihre ‚alten’ Sachen auf die hintere Sitzbank.
„Du musst dich jetzt bitte anschnallen“, sagte ich ihr und sie erschrak. Dann machte sie es aber mit meiner Hilfe doch. Während wir langsam auf das Ende des Parkplatzes zurollten, fragte ich sie: „Wir waren vorhin davon abgekommen, mein Kätzchen. Du sagtest, dass dein Bekannter schon vor einiger Zeit in Passau gewesen sei … hm … nach einem Feuer.“
Sie nickte. „Ja, Wulfo, nach dem zweiten großen Feuer; er war damals Gast in der Oberhausburg, bei Freunden – äh – vielleicht Ahnen meines Oheims Pawel.“
„Wann war das, Kopalka?“
Sie dachte einen Augenblick nach und sagte – so ganz selbstverständlich: „Das war im Jahre zwölfhundertsechsundsechzig.“
Ich fuhr um ein Haar gegen einen Baum.
Wir gehen hier mit Jahrhunderten um wie mit Tagen, ging es mir durch den Kopf. Danach war es einen Moment still im Wagen.
Ein Schild sagte an, dass es nach Passau noch fünf Kilometer waren, als wir den Jogger überholten. Kopalka drehte sich nach ihm um.
„Er ist allein“, sagte sie leise. Ihre Stimme klang gepresst und eifrig.
„Und es ist ein verdammt großer Kerl!“, protestierte ich. „Der sah stark aus wie ein Bär.“
„Halte bitte an“, sagte Kopalka und schnallte sich los. Ich bremste und hielt an. Mir wurde plötzlich sehr warm und ich musste überraschend dringend pinkeln. Im Rückspiegel tauchte der Jogger auf. Er lief langsam und rhythmisch wie eine Maschine, das Gesicht war nur ein heller Fleck, eingerahmt von der dunkleren Kapuze seines Oberteils. So wie er gebaut war, konnte es sich um einen Schwergewichtsboxer handeln.
Kopalka fummelte an der Tür herum; ich half ihr und frische Luft wehte durch den Spalt herein.
„Setz die Perücke ab!“, zischte ich. Sie zog sich ungeduldig die Perücke und die Kappe vom Kopf und öffnete die Tür des Wagens ganz. Mit einer geschmeidigen Bewegung war sie draußen und ich hörte auf zu atmen.
Der Jogger war nur noch gute zehn Meter entfernt. Kopalka machte einige lange Schritte auf ihn zu und winkte freundlich mit beiden Armen. Der Bär von Mann hob den rechten Arm, wohl, um zurückzuwinken, als Kopalka auf ihn prallte.
Sie hatte ihn angesprungen wie ein Panther und während sie an ihm hing, kippten beide seitwärts in den Graben. Der Mann ruderte im Fallen mit den Armen, dann sah ich von beiden nichts mehr.
Ich begann zu atmen, als hätte ich einen Sprint hinter mir. Einmal tauchte ein Arm des Mannes aus der Schwärze des Grabens auf, blieb einen Moment aufrecht stehen, wackelte ein wenig, als wollte er winken und fiel schlaff zurück.
Eine Ewigkeit verging.
Es mochten in Wirklichkeit nur wenige Minuten gewesen sein, aber als Kopalka endlich aus dem Graben auftauchte und mit ruhigen Schritten zum Auto kam, schien mir, als wäre die halbe Nacht vergangen.
Sie stieg ein und schloss die Tür. Während ich Gas gab, starrte ich in den Rückspiegel. Undeutlich sah ich den Kopf des Mannes auftauchen, als er sich aus dem Graben erhob – ohne Kapuze, mit kurzem, dunklem Haar. Ich schaltete das Licht aus und beschleunigte noch mehr. Das Letzte, was ich von ihm sah, war, dass er uns wild nachwinkte.
Nach einer Weile – ich hatte die Scheinwerfer wieder eingeschaltet und fuhr im Bereich der erlaubten Geschwindigkeit, traute ich mich, zur Seite zu sehen. Kopalka blickte geradeaus durch die nasse Scheibe. Während des Davonrasens hatte ich im Augenwinkel mitbekommen, dass sie sich mit meinen Kleenex zu schaffen gemacht und kurz an sich herumgeputzt hatte.
Dann waren wir in Passau. Licht fiel von Straßenlampen und Schaufenstern in den Wagen und der Verkehr pulste lebendig um uns herum. Kopalka saß wie in Trance und sah mit weit aufgerissenen Augen um sich.
„Mein Gott“, stieß sie leise aus, „wo bin ich hingeraten?“