Leseprobe "Ingelbur"
Der Gang führte schräg nach unten und finster in die Erde hinein. Nun war Ingelburs Neugier so richtig erwacht! Ein Gewölbegang, der in die Erde führte? Das war doch was für richtige Zwergenjungen. (Und bestimmt auch für viele Zwergenmädchen.) Das ist mal etwas nach meinem Geschmack, dachte er und ging ein paar Schritte in die Dunkelheit hinein. Misstrauisch betrachtete er die offene, schwere Eichentür, durch die er gerade geschritten war und fühlte sich beruhigt, als er sah, dass die Tür von zwei daran gelehnten, großen Steinbrocken gegen ein Zuschlagen gesichert wurde. Es roch modrig. Und jetzt passierte etwas sehr Merkwürdiges: Plötzlich begannen nämlich die feuchten, dunklen Steinwände des Tunnels ein wenig zu leuchten. Es war ein grünlichblaues Licht, das aus den Steinen kam, die Wände ganz ausfüllte und immer heller wurde. Auf einmal ertönte leise Musik, recht gedämpft und angenehm – so, wie Ingelbur sie gern mochte: mit Zimbeln und Flöten darin.
Nanu, dachte er erstaunt, da muss ich mich vorhin getäuscht haben. Das hier in dem Gang ist kein festgestampfter Lehmboden – nein – das ist ein breiter, kostbarer Läufer mit seltsamen eingewebten Zeichen und Mustern.
Nun hörten die Wände auf heller zu werden – sie strahlten ein weiches, wohltuendes Licht aus und Ingelbur konnte bis dorthin sehen, wo der Gang auf seinem Wege nach unten eine Kurve machte. Die versperrte ihm die Sicht. Es passierte nichts im Augenblick. Trotzdem ging der vorsichtige Ingelbur nicht weiter, sondern setzte sich abwartend auf einen kleinen Felsenvorsprung, um sorgfältig nachzudenken. Es roch nun gar nicht mehr modrig, fand er, sondern es wehte ein leichter Hauch aus den unbekannten Tiefen des Ganges, der den würzigen Geruch nach Zimt und Fichtennadeln mit sich trug – sein Lieblingsgeruch.
Plötzlich stand eine dunkle Gestalt in der Kurve des Ganges und starrte herauf zu ihm. Das sanfte Licht war nicht besonders hell, aber es genügte, das schreckliche Gesicht des Wesens zu erkennen, das zu ihm her spähte. Ein wildes Hexengesicht, wie es schlimmer nicht sein konnte! Struppiges, graues Haar stand mähnenhaft vom Kopf ab. Die Haut des Gesichtes war von einem stumpfen, lederartigen Graubraun – genau wie die ausgemergelte, dürre Krallenhand – und ließ unzählige Falten und Runzeln tief und schwarz erscheinen. Die Nase ragte in dreifacher Größe aus diesem unheimlichen Gesicht. Die Augen, rund und übergroß und mit entzündeten Rändern, loderten rot, wie die Tinte seines Klassenlehrers in der Schule. Ein dunkler, loser Unhang, der bis auf den Boden reichte, umhüllte die dürre Gestalt des fremden Wesens. Ingelbur blieb fast das Herz stehen! Er kniff die Augen zu und schüttelte kurz und heftig den Kopf. ‚Geh weg!’, rief er in Gedanken und dann dachte er, das muss ein Traum sein.
Wie aber staunte er, als er die Augen wieder öffnete! Im Gang, nun schon viel näher, stand eine wunderschöne, junge Frau mit langem, goldenem Haar, einem tief reichenden, weißen, schimmernden Gewand und ihre Augen strahlten freundlich und so blau wie Kornblumen. Die roten Lippen waren zu einem breiten Lächeln des Willkommens geöffnet.
Die Zähne sind ganz schön spitz, dachte Ingelbur. Doch, kaum hatte er das zu Ende gedacht, sahen sie plötzlich ganz normal aus und strahlten höchstens in einem fast zu makellosen Weiß. Die Frau schien näher zu schweben und atemlos überlegte Ingelbur, ob er nun ausreißen sollte oder nicht.
Plötzlich wusste er, wo er war und stand rasch auf.
In der Schule hatte er vor einiger Zeit den Vortrag eines erwachsenen Zwerges gehört, der erzählte, dass er hier bei dem Wesen lange festgehalten worden war und schließlich doch noch irgendwie entkommen konnte.
Das hier war der Eingang zum Labyrinth der Hexe Loga! Ingelbur blieb keine Zeit für seinen Schreck, denn nun stand die fremde schöne Frau vor ihm und lächelte ihr geheimnisvolles Lächeln auf ihn herab. Schade, dass sie so groß ist, dachte er, aber kaum hatte er den Gedanken zu Ende gedacht, da begann die Frau zu schrumpfen – immer mehr – bis sie so groß war wie er selbst und ihre Augen leuchteten in die seinen, dass ihm ganz schwindelig wurde.
„Ich freue mich, dass du kommen konntest, Ingelbur“, sagte die Hexe mit einer angenehmen, leisen Stimme. Nun wunderte es ihn nicht mehr, dass ihre Stimme wie die seiner Freundin aus der Parallelklasse klang.
„Woher kennst du meinen Namen und – wer bist du?“, fragte Ingelbur tapfer und hatte gleichzeitig Angst vor der Antwort. Sie sah ihn an und lächelte ihr strahlendestes Lächeln, als sie antwortete: „Deinen Namen weiß ich eben, denn ich weiß viele Dinge. Und ich heiße Loga.“
Das hatte Ingelbur befürchtet!