Leseprobe "Die Atlantoiden"

Von diesen blauen Lichtkugeln – gerade eben waren wieder zwei an dem Bullauge seiner Kajüte gewesen – hatte auch nichts im Buch gestanden. Der Kapitän zuckte die Achseln. Was soll’s, dachte er und die Schultern straffend, ging er auf die Tür zu. Ich lasse mir den Tag nicht versauen. Laß uns mal die Crew checken.
     Was er nicht wusste: Die Crew gab es nicht mehr …

Und das hatte ganz einfach angefangen: Der Matrose Cornwell, bei einer wohlgefühligen Handarbeit allein in der Kabine, blickte hinauf zum Bullauge.
Da waren Lichter!
     Er ließ sich los, die Beschäftigung mit sich war ohnehin nur Langeweile und sein Raumgenosse käme erst in einer Stunde aus dem Maschinenraum. Jedoch die blauen und blaugelben Lichtkügelchen da vor dem Fenster, die waren Wirklichkeit. Waren da. Jetzt und hier für ihn – anders als das Mädel, das er sich gerade vorgestellt hatte.
     Er verstaute sein Ding und erhob sich. Er wusste genau, dass, was immer von da draußen hereinleuchtete, nichts Alltägliches sein konnte. Vielleicht auch überhaupt nicht ganz wirklich da war – eben nur ein paar unerklärliche Lichtpunkte, Reflexionen vielleicht. Aber genau deshalb musste man die Sache überprüfen. Er stellte sich hin, ging zum Fenster, offene Hose und alles. Der Schraubgriff am Bullauge klemmte natürlich mal wieder – wie oft schon hatte er ihn ölen wollen -, aber dann ging es doch und die kleine runde, dicke Glasscheibe schwang mit ihrem Messingrahmen nach innen.
     Die beiden Lichtkugeln schienen an der Scheibe zu kleben. Vorsichtig hob er den linken Zeigefinger und brachte ihn in die Nähe der unteren. Nichts passierte. Dann, als er die Kugel schon fast berührte, meinte der Matrose Cornwell schwaches Kribbeln im Finger zu spüren. Er stupste das Licht vorsichtig an. Die Kugel blieb an seiner Fingerspitze kleben. Deutlich spürte Cornwell nun ein sanftes Vibrieren.
     Is ja ’n dolles Ding, dachte der Matrose, muss ich dem Alten zeigen, der weiß sicher, was das bedeutet. Der Alte weiß alles.
     Er brachte den leuchtenden Finger näher an seine Augen. Das Ding schien plötzlich stärker zu kribbeln, fast schon ein Kitzeln war das, fand er. Und gerade, als er mal mit den Augen zwinkern musste, huschte das blaue Kügelchen gedankenschnell vom Finger und verschwand im linken Nasenloch. Den Matrosen Cornwell riß es hoch, er stolperte zurück zu dem doppelstöckigen Bett, merkte, wie sich sein ganzer Körper verkrampfte und spürte in panischer Angst noch etwas: Es war wie ein Echo im Kopf, er fühlte sich, als hätte er plötzlich zwei Köpfe. Alles drehte sich wild um ihn, er klammerte sich am Bettrahmen fest, um nicht umzufallen. Plötzlich ließ der Schwindel nach. Er ließ sich los und starrte gegen die Wand.
     Da – in seinem Kopf – da war doch was!
     „Cantuherme …can… tu … her …me … CAN-TU –HER …“
     Mein Gott, das war laut! Der Matrose Cornwell krächzte heiser auf und presste sich die Hände auf die Ohren. Er setzte sich auf das untere Bett, das Gesicht entstellt vor Angst. Langsam nahm er die Hände von den Ohren und schüttelte den Kopf. Und dann spürte er plötzlich etwas Anderes: Sein Kopf kribbelte. Nur der obere teil, da, wo das Gehirn saß. Er stand auf und ging zum Fenster, steif wie eine Marionette, das Gesicht hartkantig und verbissen, mit starren Augen. Aber diese Augen leuchteten von innen. Ein knallblaues Glühen. Und dann war das dieser Befehl …
     Er reckte den Finger dem zweiten Lichtpunkt entgegen. Der huschte wie ein elektrischer Funke auf die Fingerspitze und saß da unbeweglich.
     Cornwell ließ das Fenster offen und ging zur Tür. Er sah nicht, dass noch fünf weitere Lichtkugeln über den Messingrahmen hereinkullerten; sie verschwanden irgendwo im Raum.
     Er ging langsam den Flur entlang. Die Lampen an der Decke verströmten ihr müdes Vierundzwanzig-Volt-Licht und gaben dem engen Gang etwas Düsteres, als lebten unter dem dunkelgrünen Garnbelag der stählernen Bodenplatten augenlose schleimige Schreckensgestalten. Hinter den meisten Türen war es still. Etwas weiter vorne klang Musik leise aus einer Kajüte. Cornwell öffnete, ohne zu klopfen. „Hee“, sagte der Matrose Sparrow vorwurfsvoll. Mit einer schnellen Bewegung hielt Cornwell ihm den leuchtenden Zeigefinger unter die Nase. Ein blauer Husch zum Nasenloch – Sparrow setzte sich schwer auf den Boden, seine Augen flehentlich zu Cornwell hochgedreht. Cornwell beugte sich zu ihm hinunter.
     „Can tu her me?“, fragte er rau.
     Sparrow verlor den panischen Gesichtsausdruck. In seinem Gesicht machte sich ein ungläubiges Staunen breit. „Ya, ih can her tu“, antwortete er langsam. Er stand auf.
     „Was war das?“, fragte er.
     „Was war was?“, fragte Cornwell unsicher zurück.
     „Mensch, was für ‚ne Sprache war das? Ich kann doch gar keine andere Sprache.“
     Cornwell zuckte die Achseln. Er sah hart und grimmig entschlossen aus.
     „Wir müssen die anderen reinlassen“, sagte er rau.
     „Ja … das müssen wir denn wohl“, antwortete Sparrow.

Es dauerte vier Stunden und zwölf Minuten, bis – außer dem Kapitän – der letzte Mann, der diensttuende Maschinist, von einer Lichtkugel übernommen worden war.
     Nichts änderte sich sonst an Bord. Ruhig zog das Schiff seine Bahn. Einige der Kugeln verließen ihr Versteck an der Bordwand der MARIA LIVETTI und zogen in einem zielstrebigen kleinen Schwarm auf die näher kommenden Küstenstreifen der sich verengenden Bucht zu.